Sorgenfalten, Schweißausbrüche und Skepsis – zweieinhalb Stunden vor der Aufzeichnung der neuen Web-Sendung „Passwort CULTRA – unplugged und orange“ im gleichnamigen Jugendkulturhaus in Brühl liegen bei dem Moderator die Nerven blank. Sebastian Messerschmidt (29) huscht unruhig zwischen Thekenbereich und Bühne umher. Es gibt immer noch nicht genug Plätze für die rund 60 Zuschauer, die Sitzposition beim Interview ist nicht geklärt und dann tauchen auch bereits die ersten Fans des Musikers im Studiobereich auf.

„Am Drehtag kommt eben alles zusammen, da hilft nur Durchatmen“, sagt Messerschmidt und begleitet die zwei Fans wieder aus dem Studiobereich. Ordnung muss sein.
Der Kern der Sendung besteht aus Interview und Live-Musik mit einem Künstler, der den Kontakt mit dem Publikum im kleinen CULTRA-Studio nicht scheut. Heute wird Gregor Meyle zu Gast sein. Bevor jedoch die Kamera das orange-schwarze Logo des Jugendkulturhauses im Fokus hat und die ersten Sekunden der Sendung für das Internet aufgezeichnet werden, gibt es noch einiges zu tun.

Für Sebastian Messerschmidt geht mit der eigenen Musiksendung ein Traum in Erfüllung. Bereits vor der ersten Idee nutze er im Jugendkulturhaus „Passwort CULTRA“ das Medienangebot. Er engagierte sich im Radioteam und übernahm erste Moderationen bei Veranstaltungen vor Ort. Für Messerschmidt ist es ein Heimspiel, denn der gebürtige Hürther hat lange Zeit in Brühl gelebt, ist dort zur Schule gegangen und hat an der Europäischen Fachhochschule Handelsmanagement studiert. „Ich kenne sogar noch das ehemalige Jugendzentrum, dass am gleichen Ort stand“, sagt Messerschmidt und ergänzt, „ich fühle mich hier einfach wohl.“ Von der heimischen Bühne in Brühl schaffte es Messerschmidt auf die große Bühne des Musikwettbewerbs „Köln rockt“ vom Kölner-Stadt-Anzeiger. Das Moderieren und Musik – die Kombination der beiden Leidenschaften ist für Messerschmidt spätestens seit „Köln rockt“ vielversprechend.

Eine Musiksendung, die sich in 30 Minuten Sendezeit auf nur einem Musiker konzentriert, das war Sebastian Messerschmidts fixe Idee. Er erzählte Frank Stentenbach (35) davon, der bei „Köln rockt“ das Finale filmte. Als Geschäftsführer einer Produktionsfirma hat Stentenbach bereits verschiedene Fernsehformate betreut und beim Eurovision Song Contest mitgewirkt. Er war direkt Feuer und Flamme von Messerschmidts Idee. „Ich finde die Vorstellung klasse etwas mit auf die Beine zu stellen, kreativ an einem solchen Prozess beteiligt zu sein“, erzählt er.

Inzwischen sitzt Stentenbach im arrangierten Regieraum im Jugenkulturhaus. Er blickt konzentriert auf den Monitor mit den Kameraeinstellungen.
Entspannt geht er mit den drei Kameramännern und Sebastian Messerschmidt noch einmal den Ablauf der Sendung durch. Auch Marcel Meister, Fabian Miebach und Daniel Erpilev nutzen die neue Interviewsendung mit Live-Musik um neue Erfahrungen hinter der Kamera zu sammeln. Als Azubis und frische Filmschaffende wollen sie der Sendung im Jugendkulturhaus ihren eigenen Stempel aufdrücken. Damit dennoch kein Chaos entsteht hält TV-Profi Stentenbach im eingerichteten Regieraum die Fäden in der Hand. Über Head Sets wird er später professionelle Anweisungen über Einstellungsgröße und Timing geben.

Inzwischen ist es 15 Uhr. Nur noch zwei Stunden bis zur Sendung. Musiker Gregor Meyle ist inzwischen im umgebauten Cafebereich des Jugendhauses eingetrudelt. Der Sänger ist vor allem durch seine Teilnahme an Stefan Raabs Castingshow bekannt geworden. 2007 belegte er dort den zweiten Platz hinter Stefanie Heinzmann. Seitdem macht er konsequent die Musik, die ihn bewegt ohne sich dem Diktat der erfolgsfokussierten Musikbranche zu unterwerfen.
Dafür hat er sein eigenes Musiklabel gegründet.
„Ich bin wie das Bio-Ei in der Musikbranche “, wird er später in der Sendung sagen.
Jetzt richtet sich der gebürtige Baden-Württemberger erst einmal im Studio ein. Mit im Gepäck: Instrumente, Perserteppich, Wohnzimmerlampe und einen Überraschungsgast. Schlagzeuger Phil Gould, Mitbegründer der Band „Level 42“, der spontan bei den Live-Auftritten der Sendung mitspielen soll.

Bei Moderator Sebastian Messerschmidt steigt erneut der Stresslevel: Ein Schlagzeug muss her. Auch bei diesem Problem gibt es Unterstützung. Neben dem Logo, dem Namen und einem Teil der Technik liefert die CULTRA-Crew auch die Schlagzeugelemente für den Überraschungsgast.
„Das Ziel des Jugendhauses Passwort CULTRA ist es Jugendkultur zu unterstützen, besonders mit Medienprojekten. Das neue Projekt passt hervorragend hier rein“, sagt Julian Börger (23), engagierter Student und Teil des CULTRA-Teams.

Der Soundcheck ist vorbei. Draußen vor der Tür warten bereits die Zuschauer auf den Einlass. Es ist 17.10 Uhr. Die Show kann beginnen. Sebastian Messerschmidt steht auf der kleinen Bühne im Scheinwerferlicht und blickt in erwartungsvolle Gesichter. Im Publikum sitzen einige langjährige Fans von Gregor Meyle. Selbst sie sollen in der neuen Sendung neues über ihren Lieblingsmusiker erfahren. Das ist der Moment auf den das gesamte Team hin gearbeitet hat: Gregor Meyle betritt die Bühne.

Ab jetzt läuft alles reibungslos. Es gibt genug Plätze für alle. Licht und Ton funktionieren und Gregor Meyle scheint sich in der privaten Atmosphäre des Studios wohl zu fühlen. Er erzählt viel Privates und Anekdoten zu seinen Liedern – oft länger und ausgiebiger als es Moderator Sebastian Messerschmidt lieb ist. Doch das Konzept geht auf. Das Publikum ist ganz nah dabei als Gregor Meyle vier Live-Songs spielt. Fan Sarah Weber (24) aus Brühl darf sogar ein Lied im Duett mit ihrem musikalischen Vorbild singen. „Ich finde es großartig, dass es so eine Sendung in Brühl gibt und dass Künstler wie Gregor Meyle das unterstützen“, erzählt Sarah und ergänzt, dass sie ihren Auftritt mit Meyle so schnell nicht vergessen werde. Für die anderen Zuschauer und den Künstler gibt es zum Schluss als Dankeschön selbstgebackenen Kuchen.

Die Sendung lief 30 Minuten länger als geplant. Im Fernsehen undenkbar. Doch neue Formate und kreative Ideen brauchen Raum und Zeit zu wachsen. Im Jugendkulturhaus „Passwort CULTRA“ wird Beides bereit gestellt. Die nächste Sendung ist bereits in Planung. Wieder mit dem Einsatz vieler Freiwilliger, die etwas Ungewöhnliches erschaffen wollen.

Doch zunächst wird aus dem Studio wieder ein Jugendcafe in Brühl. Die Scheinwerfer sind aus und die Kameras verstaut. Doch in der Luft liegt noch der Geruch von Sorgenschweiß und Sendungsfieber.

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