„Lasst uns für die amerikanische Wahl beten, dass sich alles zum Guten wenden wird“, spricht Pastor John Carrick im Sonntagsgottesdienst der American Protestant Church in Bonn zu seiner Gemeinde. In den Kirchenbänken sitzen nicht nur Amerikaner. Hier treffen sich regelmäßig Gläubige aus rund 30 Ländern. Ihre Heimatflaggen schmücken die historische Stimson Memorial Chapel in der amerikanischen Siedlung Plittersdorf.

Vor mehr als 60 Jahren wurde dort den Mitarbeitern der US-Hochkommission ein Zuhause geschaffen, samt Supermarkt, Kino, Schwimmbad, Bowling-Center, Tankstelle, Schule, dem Amerikanischen Club und der Kirche. Vor der Wahl des neuen US-Präsidenten begab ich mich auf Spurensuche, was von der amerikanischen Siedlung übrig geblieben ist.

„Im geräumigen Keller der Kirche haben wir uns mit den Pfadfindern getroffen“, erinnert sich der heute 75-jährige Don F. Jordan. Seine Eltern zogen mit ihm 1952 von New York nach Bonn. Da sein Vater für das Auswärtige Amt arbeitete und nicht für die Hochkommission, lebte die Familie in Mehlem. So oft es ging, besuchte der damals Elfjährige aber seine Freunde in Plittersdorf. „Das war wie Klein-Amerika“, erzählt er, „die breiten Straßen, die großen Wohnungen, sogar die Küchengeräte waren wie in der Heimat.“ Die Dienstwohnungen seien komplett ausgestattet gewesen, und vor den Häusern hätten teure amerikanische Wagen gestanden.

Die Amerikanisch Siedlung Bonn in den 50er Jahren, Foto: RASP
Die Amerikanisch Siedlung Bonn in den 50er Jahren, Foto: RASP

1955 löste sich die Alliierte Hohe Kommission auf, die Siedlung wurde daraufhin hauptsächlich von Mitarbeitern der US-Botschaft und von deutschen Politikern bewohnt. Im selben Jahr ging es für Jordan zurück in die Heimat. Heute wohnt der 75-Jährige wieder ganz in der Nähe der denkmalgeschützten Siedlung und engagiert sich für deren Erhalt. Nicht nur ein Großteil seiner beruflichen Karriere ist mit diesem Ort verknüpft, sondern auch Bonner Geschichte.

Der Amerikanische Club unweit des Rhein wurde zum Treffpunkt von Politikern, Lobbyisten und Journalisten. Dazu zählte ab 1966 auch Don F. Jordan, der als Korrespondent nach Bonn zurückgekehrt war. „Bundeskanzler, Bundespräsidenten und die Elite des kulturellen Lebens trafen sich dort zu Hintergrundgesprächen mit der Presse und zum Sommerfest“, berichtet er.

Als Vorsitzender des Vereins der ausländischen Presse in Deutschland plante er das Event mit rund 300 Prominenten. „Zur Zeit der RAF war der Club und die gesamte Siedlung bewacht“, ergänzt Jordan. Heute erinnern nur noch Betonpoller in den Hecken daran. Mit dem Wegzug der Botschaft nach Berlin veränderte sich die Siedlung. Die Vereinigte Bonner Wohnungsbau AG (Vebowag) erwarb nach und nach die Gebäude.

2012 kaufte Rolf Fischer eine Wohnung in der Siedlung. Bei der Sanierung wurde deutlich, dass die Anlage in den 50ern mit allen Mitteln fertiggestellt worden war. „Wir haben plötzlich die unterschiedlichsten Baumaterialien freigelegt.“ Der pensionierte Lehrer fing an, sich mit der Geschichte seines neuen Wohnumfeldes zu beschäftigen. Vor allem der Zustand des ehemaligen Amerikanischen Clubs und des internationalen Kindergartens erschütterten ihn. Beide Gebäude stehen derzeit leer.
Als Pläne durchsickerten, dass die Vebowag eine Nachverdichtung der Siedlung plane, gründete Fischer 2014 die Bürgerinitiative „Rettet die amerikanische Siedlung Bonn-Plittersdorf“ (RASP). Sie setzt sich dafür ein, die Siedlung als Ganzes zu erhalten. Nicht nur die Gebäude von Architekt Sep Ruf stehen unter Denkmalschutz, sondern auch die Grünanlagen der Landschaftsarchitekten Hermann Mattern und Heinrich Raderschall.

Das Versorgungszentrum der Siedlung an der Kennedyallee mit Supermarkt, US-Post und Kino ist ebenso wie das Heizkraftwerk inzwischen abgerissen. Auf dem Gelände wurden die Häuser der „Rheinauer Gärten“ und eine neue Ladenzeile errichtet. Was vom amerikanischen Lebensgefühl in Plittersdorf übriggeblieben ist, können Besucher vor allem bei den Spielen der Rugby- oder Baseballmannschaft erleben.

Das Baseball-Bundesliga-Team der Bonn Capitals gehört seit seiner Gründung 1989 zu den Top-Clubs in Deutschland. Die vier großen Spielfelder am Rande der Rheinaue hat der Club von den Amerikanern übernommen. „Das ist ein bisschen wie das Baseballfeld im Central Park in New York“, sagt Udo Schmitz, Vorsitzender der Capitals, mit einem Augenzwinkern. Er lebt ebenfalls mit seiner Familie in der amerikanischen Siedlung. Seine beiden Söhne spielen erfolgreich im Verein. „Wenn unsere Spieler aus den USA zum ersten Mal hier sind, fühlen sie sich direkt zu Hause.“

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Auch Udo Schmitz setzt sich für den Erhalt der Siedlung ein und somit für das amerikanische Lebensgefühl in Bonn.

(Dieser Artikel und das Video von mir erschien am 7.11.2016 im General-Anzeiger Bonn)

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