„Erst mit ein bisschen Abstand wirst du die Erlebnisse greifen können und auch noch lange Zeit von diesem Abenteuer zehren“, sagte mir meine Mutter kurz nach der Rückkehr von Lissabon, wo ich den Eurovision Song Contest (ESC) hautnah erleben durfte. Sie sollte Recht behalten. Was in Fan-Kreisen liebevoll mit der „Post-Eurovision-Depression“ beschrieben wird, äußerte sich bei mir in der Unfähigkeit das Erlebte wirklich zu beschreiben und meine Begeisterung für dieses kleine Abenteuer mit anderen zu teilen. Dabei hatte ich so viel Spannendes zu berichten. Schließlich hatte ich hinter die Kulissen der größten TV-Musikssendung der Welt geblickt und nebenbei auch noch Lissabon erkundet. Nachdem jetzt rund ein halbes Jahr vergangen ist und die Planungen für den kommenden ESC bereits auf Hochtouren laufen, kommt nun endlich meine Rückschau auf meine ESC-Erlebnisse.

Inspiriert vom Videoblog von Lukas Heinser und Stefan Niggemeier 2010 bis 2012, entstand die Idee gemeinsam mit einem Kollegen dem Event auf den Grund zu gehen. Im besten Fall mit ähnlich viel Witz, journalistischer Distanz und gleichzeitiger Faszination.  Für die erste Interview-Gelegenheit mit den Teilnehmern bei „Eurovision in Concert“ im April in Amsterdam konnte ich meinen Freund Tobi als Co-Reporter gewinnen.

GruppenfotoAmsterdam (1 von 1)
Teilnehmer ESC 2018 bei Eurovision in Concert Amsterdam

Zur zehnten Auflage des Fanevents in Amsterdam hatten sich zahlreiche Künstler des diesjährigen ESC angekündigt, um für sich und ihre Songs zu werben. Auch in London, Madrid und Tel Aviv finden solche Fan-Events statt. Jahre lang war Deutschland dort nicht vertreten. Michael Schulte jedoch nutze zumindest die EU-Auftritte, um in den ESC-Trubel einzutauchen. Dass für ihn mit der Teilnahme ein Traum in Erfüllung ging, konnte man ihm anmerken. Ein bisschen wie auf Klassenfahrt, fügte er sich in die ESC-Klasse 2018 ein; nicht unbedingt als Klassenclown oder Paradiesvogel, aber zumindest als Teil des Klassenverbundes – mittendrin, nicht nur dabei.

Hört rein, wie Tobi und ich das Vor-Event Revue passieren lassen.

Weitere Interviews aus Amsterdam gibt es auf dem YouTube-Channel ESC-Ahoy.

Alle an Bord – die Reise beginnt

Das Motto der Show 2018 lautete „All Aboard“. An Bord meines Reporter-Schiffes musste ich letztendlich doch alleine gehen. Zum Glück hatte ich im Vorfeld Kontakt zu einigen ESC-Experten aufgenommen, die mich im Heimathafen des Pressezentrums in ihre Mitte nahmen und mich mit dem ESC-Fahrwasser vertraut machten (ok, genug der Wortspiele).

escahoy@googlemail.com
Christine Siefer und Sascha Gottschalk, Foto: Rainer Keuenhof

Zusammen mit dem Sofareporter Sascha Gottschalk, der den Podcast „ESC-Greenroom“ veröffentlicht und Dr. Eurovision alias Irving Wolter, Buchautor und ESC-Experte, schaute ich das erste Semi-Finale im Pressezentrum. Die Schaltzentrale der Berichterstatter lag direkt neben der Alice Arena auf dem ehemaligen EXPO-Gelände. Neben einem mehrstöckigen Container mit Glasfassade, indem die offiziellen Interviews stattfanden, luden auch die Boulevards am Wasser zu spontanen Aufsagern vor der Kamera ein. Im Pressezentrum selbst hatten sich meist Journalisten und Blogger der einzelnen Länder zusammengeschlossen. Flaggen, Luftballons oder Kopfbedeckungen in Länderfarben schmückten die Tische. Fleißige Betriebsamkeit und ausgelassene Feierstimmung mischten sich zu einem bunten Trubel. Die Grenze zwischen Fan und Journalist ist dabei oft fließend.

Die Halbfinale werden in Deutschland oft gar nicht richtig wahrgenommen, da wir als einer der fünf größten Geldgeber im Finale gesetzt sind. Zu den sogenannten „BigFive“ gehören Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien. Darüberhinaus ist das Gastgeberland auch direkt für das Finale qualifiziert.

Am Tag darauf konnten wir die Proben für die weiteren Shows in der Arena live miterleben. Die Altice-Arena fasst circa 20 000 Zuschauer, so viele wie die Lanxess Arena in Köln. In den insgesamt neun Show (drei Liveshows, Juryfinale und Familienshows) kamen so 180 000 Besucher zusammen. Damit alles reibungslos läuft arbeiteten 400 Helfer hinter den Kulissen. Einblicke in die Proben und technische Umsetzung, gibt es im folgendem Video:

Das zweite Semi-Finale sah ich dann beim Public Viewing im Eurovillage im Stadtzentrum auf dem Placa de Comercio. Dort konnte ich dann die geballte Fanpower aus den unterschiedlichen Ländern erleben. Dort traf ich auch Mary und Michelle aus Australien. Die Schwestern sind seit Kindertagen ESC-Fans, so wie viele andere Australier auch. Das Event wird seit den 80ern dort morgens ausgestrahlt. Als Mitglied der European Broadcast Union darf Australien nun seit 2016 offiziell teilnehmen. Mary und Michelle haben sich mit ihrer Reise zum ESC einen Traum erfüllt. Sie nutzen es auch für eine kleine Rundreise durch Portugal.

Musikbotschafter

Auf dem Dach des Goethe-Instituts lud der Deutsche Botschafter in Lissabon die Pressevertreter zum Empfang. Eine seichte Frühlingsbrise strich durch den begrünten Dachgarten und schaffte eine exklusive und exotisch-anmutende Szenerie. Die portugiesische ESC-Teilnehmerin Claudia Pascoal und ihre Komponistin Isaura traten mit ihrem Song „O Jardim“(Der Garten) auf, der nicht nur vom Namen sondern auch von der Atmosphäre dort seine Wirkung stärker entfalten konnte, als in der großen Arena. Durch das Programm führte Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis, die bereits den deutschen Vorentscheidung zusammen mit Entertainer Elton moderiert hatte. Nachdem Michael Schulte drei Lieder präsentiert hatte, darunter seinen Teilnehmersong „You let me walk alone“ und eine dänische Version des ESC-Klassikers „Fly on the wings of love“ (Siegertitel 2000), überbrückten er und Linda Zervakis humorvoll die Zeit bis zum Auftritt der Fado-Sängerin Mariza.

Als eine der bekanntesten Sängerinnen des melancholischen portugiesischen Musikstils durfte sie die Finalshow eröffnen. Beim Botschaftsempfang kam sie zu spät, beeindruckte schließlich aber alle mit ihrem Auftritt. Spätestens als sie von der Bühne stieg und sich in die Mitte der Pressevertreter begab und inbrünstig sang, war ihre divenhafte Ankunft vergessen.

Ich bin voller Dankbarkeit für viele interessante Eindrücke und Gespräche, die mir immer wieder vor Augen führten, dass der ESC viel mehr ist als nur ein Musikwettstreit. Spannende Interviews mit Fans, Jury-Mitgliedern und ESC-Musikexperten in den folgenden Videos:

Video-Interview mit Liza Paulsen und Sophia Steinhuber. Sie haben ihre Bachelorarbeiten über den ESC geschrieben und haben seitdem einen besonderen Blick auf das Event. Ihre Eindrücke verarbeiten sie unter anderem in ihrem Podcast „Escalation“.

Video-Interview mit den Freunden Alex Kuhn und Svenja Hoff. Alex war Teil des Panels, das Michael Schulte als Vertreter für Deutschland gewählt hat.

Video-Interview mit dem Fan Timo Stoppacher für den General-Anzeiger.

Video-Interview mit Podcaster Sascha Gottschalk.

Finale

Die Altice Arena Lissabon beim ESC 2018
Die Altice Arena Lissabon beim ESC 2018

Und dann war es soweit. Das Finale stand an. Ich hatte noch Karten für das Jury-Finale am Vorabend bekommen. Das Jury-Finale ist die Show, in der die Künstler für die Punkte der Länderjurys performen. Das Ergebnis fließt dann zu 50 Prozent ins Finale ein und dient als Back-up für die Sendeverantwortlichen. Die finalen Auftritt der Künstler live in der Halle mit dem tosenden Publikum zu erleben, war einmalig. Ich erwischte mich dabei, dass ich selbst bei Stücken, die mir anfangs nicht gefielen, die Daumen drückte, damit alles glatt lief. Monatelang hatte ich mich mit den Künstlern beschäftigt, Interviews geführt und gesehen und nun kam es für jeden Einzelnen darauf an, das Beste aus dem Auftritt herauszuholen. Der Druck, den jeder von ihnen spüren musste, mag ich mir gar nicht ausmalen.
IchimPresseroom (1 von 1)Auch am Finalabend selbst herrschte im Pressezentrum eine neue Anspannung. Alle arbeiteten mit Hochdruck an ihren Texten, Tweets und Posts. Nur wenn der Beitrag des eigenen Landes kam, hebten sich die Blicke von den Laptops und für drei Minuten wurde mitgesungen, geschunkelt oder gefiebert. Kamerateams und Fotografen, die auf ihren Einsatz nach der Show bei den Siegerfotos und der Abschluss-Konferenz warteten, hielten ihre Objektive dann auf jene Kollegen. Bei der letzten Punktevergabe, in der es sich zwischen Zypern und Israel entscheiden sollte, hatte sich um die Pressevertreter dieser Länder auch wieder eine Traube Journalisten gebildet, die deren Reaktionen auf Sieg oder Niederlage festhalten wollte. Es wurde dann Israel mit der schrillen Netta – ein starker Kontrast zum Vorjahressieger Salvator Sobral. Doch auch das ist ESC: Stil-Vielfalt, von bieder bis skurril, leise bis laut, Mainstream und Nische.

Das Motto des kommenden ESC lautet übrigens „Dare to dream“. Ich habe es gewagt einen Traum wahr werden zu lassen und habe einen unvergesslichen Einblick hinter die Kulissen bekommen. Auch wenn ich 2019 nicht nach Tel Aviv reisen werde, das Thema ESC wird mich trotzdem weiterhin begleiten.

Hier noch ein paar Eindrücke vom wunderschönen Lissabon:

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